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Man nehme die Schildkröte und den Adler

Die Schildkröte lebt auf dem Boden. Man kann dem Boden kaum näher sein,
ohne sich darunter zu befinden. Der Horizont ist nur wenige Zentimeter entfernt.
Die Höchstgeschwindigkeit eines solchen Geschöpfs reicht gerade aus,
um einen Kopfsalat zu jagen. Es hat überlebt,
während der Rest der Evolution vorbeihastete.

Der Grund dafür:
es stellt für niemanden eine Gefahr dar,
und es läßt sich nur mit Mühe verspeisen.

Und dann der Adler. Ein Wesen der Lüfte und Höhen –
sein Horizont erstreckt sich bis ans Ende der Welt.
Seine Augen sind scharf genug um das Zittern eines winzigen pelzigen Wesens
einen Kilometer entfernt zu sehen. Der Adler ist geballte Kraft.
Ein mit Schwingen ausgestatteter, blitzschnell zuschlagender Tod.
Er hat Klauen und Krallen um kleinere Tiere zu packen und zu verschlingen –
und um sich bei größeren zumindest einen raschen Snack zu erlauben.

Stundenlang sitzt der Adler auf einem Felsen und beobachtet die Königreiche der Welt,
bis er in der ferne eine Bewegung bemerkt. Dann blickt er in die entsprechende Richtung,
sieht ganz genau hin und erkennt einen kleinen Panzer, der auf kurzen Beinen
durch die Wüste schwankt. Was der Adler zum Anlaß nimmt, zu springen . . .

Kurze Zeit später stellt die Schildkröte fest,
daß ihr Abstand zum Boden immer mehr wächst.

Zum erstenmal sieht sie die Welt nicht aus einer Distanz von etwa einem Zoll,
sondern aus einer Höhe von zwei hundert Metern, und sie denkt:
„Diese Perspektive verdanke ich dem Adler; er ist ein guter Freund.“

Wenige Sekunden später öffnen sich die Klauen des Adlers.
Woraufhin die Schildkröte praktisch sofort in den Tod stürzt.

Jeder kennt den Grund dafür:
Die Schwerkraft ist eine Angewohnheit, die man nur schwer abstreifen kann.

Allerdings . . . Kaum jemand weiß, warum sich ein Adler auf diese Weise verhält.
Schildkrötenfleisch mag recht gut schmecken, aber angesichts der Mühe
dürfte andere Nahrung vorzuziehen sein.
Es scheint Adlern schlicht und einfach zu gefallen Schildkröten zu plagen.

Der Adler weiß natürlich nicht, daß er an einem ziemlich gemeinen Spiel
namens natürliche Auslese teilnimmt:

Eines Tages werden Schildkröten das Fliegen lernen.

aus: Terry Prattchett, Einfach Göttlich

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